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KölnChor > Interview mit Rihards Dubra
„Jeden Augenblick kann uns Licht, Sehnsucht und Ewigkeit ansprechen...“

Interview mit dem Komponisten Rihards Dubra, Jurmala (Lettland)

CRESCENDO, April 2004 / Nr.65

Rihards Dubra, Jahrgang 1964, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten zeitgenössischen Komponisten in Lettland mit internationalem Erfolg. Sein Oevre umfasst symphonische Musik, Oratorien und Orgelwerke. Ein besonderer Schwerpunkt liegt jedoch auf geistlicher
Vokalmusik. In Kürze wird sein gesamtes Werk beim Carus-Verlag in Stuttgart erscheinen. Dubras’ Stil ist zweifelsohne modern; trotzdem mischen sich Einflüsse aus Mittelalter und Renaissance mit minimalistischen Formen und einer sehr ausdrucksstarken Melodiebildung.
Guntars Pranis, der Leiter von Crescendo Lettland, hat mit seinem Vokalensemble "Schola Cantorum Riga" eine sehr eindrückliche CD mit geistlicher Musik von ihm aufgenommen. Dubra ist selber Sänger in diesem Ensemble. Die Musik ist sehr tief und spricht für sich. Der Komponist ist kein Mann vieler Worte und großer Erklärungen. Anfang Dezember 2002 konnten Jan Katzschke, Beat Rink und Guntars Pranis mit ihm in seinem Haus in Jurmala/Lettland sprechen.

CRESCENDO: War es immer Ihr Traum, Komponist zu werden?
Rihards Dubra: Das ist schwer zu sagen. Als ich etwa acht Jahre alt war, hatte ich den Drang, etwas schreiben zu müssen - und so schrieb ich ein paar kleine Werke für Klavier im Mozartstil. Dann stieg mein Interesse immer mehr, und ich wechselte die Musikschule, weil ich in der bisherigen nicht Komposition studieren konnte. So entwickelte sich das immer weiter, bis ich schliesslich an der Musikakademie Komposition studierte.


CRESCENDO
: Schreiben Sie heute vorwiegend geistliche Musik?
Rihards Dubra
: Ich schreibe ausschliesslich geistliche Musik. Weil auch meine symphonische Musik immer geistlich ist.

CRESCENDO: Was heisst das? Denken Sie dabei immer an konkrete geistliche Inhalte?
Rihards Dubra
: Ich könnte jetzt sagen: Ich denke immer wieder an Geschichten aus der Bibel oder ich bekomme einfach einige Inspirationen von oben. Ich glaube, es ist schwer, dies so einfach zu erklären. Ich fühle, dass ich etwas schreiben muss.

CRESCENDO: Wie sieht Ihr Schaffensprozess aus?
Rihards Dubra
: Ich kann es nicht so genau sagen. Ich lasse Raum für die Musik, so dass sie durch mich kommen kann. Nicht ich mache Musik; aber die Musik nutzt mich als ein Instrument, so dass ich nur niederschreibe, was mir von Gott gegeben wird. Quasi wie bei einer Schreibmaschine, die nur schreibt, was ihr gegeben wird. Ich bin eine Schreibmaschine - meine Interpreten sind die Übersetzer... Konkret sieht es, wenn ich ein neues Werk beginne, recht lang danach aus, als machte ich überhaupt nichts. Meine Frau sagt dann immer: Du hast so wenig Zeit, warum machst Du nichts? Ich antworte dann: Ich mache etwas. Ich muss denken und ich muss einfach spielen! Ich schreibe ein Werk immer nur nieder, wenn es ganz fertig ist.

CRESCENDO
: Sie machen sich also keine Kompositionsnotizen und schreiben keine Fragmente auf?
Rihards Dubra
: Keine. Das Werk entsteht in meinem Kopf. Erst, wenn ich es gut kenne, mit allen seinen Themen und in seiner gesamte Form, dann schreibe ich alles auf.

CRESCENDO
: Sie sagten einmal, Sie komponierten vor allem nachts.
Rihards Dubra: Das ist richtig.

CRESCENDO: Wenn es in Ihrer Orchestermusik ein geistliches Thema gibt oder eine Inspiration oder einen geistlichen Gedanken – weisen Sie dann darauf hin? Schreiben Sie etwas Erklärendes dazu oder bleibt das ein Geheimnis?
Rihards Dubra
: Ein bisschen wird es vom Titel her klar. Ich liebe es auch, immer einige Melodien hineinzuschreiben, die der Gregorianik ähnlich sind. Aber das sind nie Zitate. Ich mag es nicht, etwas zu zitieren, so dass man sagen könnte: Das ist nun im Stil der Gregorianik oder mittelalterlicher Musik oder der Renaissance geschrieben. Aber ich versuche, dadurch zu erklären, was ich mit Musik sagen möchte.

CRESCENDO
: Wer hat Sie besonders geprägt?
Rihards Dubra
: Vorbild Nummer eins ist für mich ist Arvo Pärt. Und dann John Taverner... Guntars Pranis: Es gibt auch mehrere Geistliche, die das Leben von Rihards sehr geprägt haben. Er ist ein sehr treuer Kirchgänger, und vor allem ein katholischer Priester hat in seinem Leben als geistlicher Vater eine ganz grosse Rolle gespielt. Aber das sind Dinge, über die er nicht so gerne in der Öffentlichkeit reden möchte... Rihards ist eine Ausnahme unter den Komponisten, auch unter denen, die sich als gläubig bezeichnen. Nicht dass er immer betonen würde: Ich bin ein Christ... Man spürt einfach, dass sein Glaube da ist und sehr von innen kommt! Mancher Kollege, der auch geistliche Musik schreibt, sagt vielleicht in einem Interview: „Wir müssen das nicht so genau nehmen, das ist ein geistlicher Text, sicher, aber ich gehe nicht zur Kirche und bin auch so nah bei Gott. Was soll die Kirche, die will mich nur einengen...?“ Da steht Rihards an einem ganz anderen Ort. Er geht ganz treu in seine Gemeinde und macht manchmal noch immer eine Vertretung als Chorleiter oder Organist. Er komponiert also aus diesem ganz normalen, alltäglichen Christsein heraus. Für mich als Interpret macht das wirklich einen ganz grossen Unterschied!
Rihards Dubra
: Ich habe auch früher schon geistliche Musik geschrieben. Aber durch diese Musik begann ich zu fühlen, dass ich in die Kirche zurückgehen muss...

CRESCENDO
: Auf welche Tradition bezieht sich Ihre Musik? Welche Traditionssträhnen nehmen Sie bewusst auf? Etwa eine lettische Tradition?
Rihards Dubra: Ich sage immer, dass ich nicht weiss, von welcher Nationalität ich bin... Aber das ist natürlich nicht ernst gemeint. Mir persönlich entspricht die reine lettische Tradition nicht so sehr. Mein Grossvater war Pole. Ich komme aus Lattgalen, einem Teil im Südosten Lettlands, der im Gegensatz zum weitaus größeren, lutherischen Teil des Landes katholisch geprägt ist. Als ich ein Jahr alt war, hatte ich eine Bluttransfusion, bei der mein gesamtes Blut ausgetauscht wurde. Ich sage immer, da habe ich bestimmt georgisches Blut erwischt, und deswegen liebe ich wahrscheinlich auch so sehr die würzigen Speisen... (lacht)

CRESCENDO: Sie sprachen vorhin über den Interpreten als Übersetzer... Eine Frage, die Ihnen wohl immer wieder gestellt wird: Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie Ihre Stücke hören? Fühlen Siesich wohl?
Rihards Dubra
: Ich glaube ja...

CRESCENDO
: Fühlen Sie sich verstanden?
Rihards Dubra
: ...Darauf kann nichts sagen...

CRESCENDO: Oder genereller gefragt: welche Rolle spielt für Sie der Interpret?
Rihards Dubra
: Es fällt mir auch hierauf schwer, eine Antwort zu geben. Natürlich spielt der Interpret immer eine grosse Rolle, aber bisher hatte ich das Glück, fast immer zu wissen, für wen ich schreibe. Wenn ich einen bestimmten Musiker oder ein Ensemble kenne, dann versuche ich immer, mir beim Schreiben der Musik vorzustellen, wie er das ausführen würde. Das ist sehr wichtig für mich.

CRESCENDO
: Wenn Sie geistliche Musik schreiben, liegt die geistliche Dimension ja in der Musik selbst. Spielt es für Sie trotzdem eine Rolle, dass der Interpret Christ ist? Könnte jeder für Sie zufriedenstellend spielen, auch wenn er nicht Christ ist, oder ist es Ihnen wichtig, dass der Interpret sich eng mit den geistlichen Aspekten identifiziert?
Rihards Dubra: Einerseits ist es nicht wichtig. Aber was ich immer bemerkt habe ist, dass die Interpretation genauer ist, wenn der Interpret ein gläubiger Mensch ist. Doch wie soll man das sagen? Ich denke an einen Musiker, für den ich geschrieben habe, der wohl nicht bewusst „gläubig“ ist. Aber ich könnte auch sagen, er ist ein gläubiger Mensch, er ist sich dessen nur noch nicht so bewusst. So, wie ich ihn kenne, braucht er einfach Zeit, denn ich entdecke bei ihm eine Sehnsucht nach dem Glauben. Das ist bei vielen Menschen so - sie wissen nur nicht, wonach sie sich sehnen. Für mich ist es klar, dass dieser Musiker sich nach einer gewissen Zeit bewusst zum Glauben an Gott wenden wird.

CRESCENDO
: Sie haben von sich als "Schreibmaschine" gesprochen, über den Interpreten als „Übersetzer“... Wie ist es, um im gleichen Bild zu bleiben, mit dem „Leser“? Welche Rolle spielt für Sie der Zuhörer?
Rihards Dubra
: Meiner Meinung nach ist Musik ohne Zuhörer nicht lebendig. Ich könnte nicht Musik einfach für mich schreiben und sie einfach ins Regal stellen. Ich schreibe Musik für viele. Das ist meine Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen und auch das, was Gott mir gegeben hat, weiterzugeben.

CRESCENDO
: Gibt es ein Werk, dass Sie schon längere Zeit unbedingt gerne schreiben wollen?
Rihards Dubra: Irgendwann möchte ich gerne ein Requiem schreiben – aber bei entsprechender Gelegenheit. Damit meine ich natürlich nicht, dass ich auf jemandes Tod warte... (lacht)

CRESCENDO: Warum dann ein Requiem?
Rihards Dubra: Das Requiem hat ja eine sehr lange Geschichte. Es ist zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Komponisten mit sehr unterschiedlichen Stilen vertont worden. Ich fühle, wenn ich diese Texte lese, allerdings etwas anderes als die anderen Requiem-Komponisten, und ich möchte das einfach gerne zeigen. Manchmal ist mir die Musik im Requiem in bezug auf die Texte zu schwer, zu düster. Das muss meiner Meinung nach etwas Leichtes, Helles, Seliges sein...

CRESCENDO: Wie würden Sie Ihre Musik in einem Satz beschreiben?
Rihards Dubra
: Meine Musik ist meditativ. Manchmal möchte ich mit dem Schreiben innehalten, um zu einer neuen Sicht der Dinge zu kommen. Denn jeden Augenblick kann uns Licht, Sehnsucht und Ewigkeit ansprechen... (...)